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Am zweiten September-Wochenende fand auf dem Meiswinkler Hof das erste deutsche Fachseminar über die „Horse-Boy-Therapie“ nach Rupert Isaacson statt.

Langsam und konzentriert geht Mala im Wiegeschritt durch den Sand. Auf ihrem Rücken sitzt Julia Guth de Granados im Sattel, dicht vor ihr die fünfjährige Klara, die das Ganze sichtlich genießt. Leise spricht die Therapeutin in das Ohr des Mädchens während die Stute nahezu selbstständig ihren Weg zu finden scheint. Aufmerksam verfolgen die 20 Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus Deutschland und den Niederlanden (allesamt therapeutische Fachkräfte) die Szene. Sie ist gestellt: Klara ist kein Förderkind, sondern fungiert als Tochter von Reitstallbetreiberin Katrin Limbach als „Dummy“.

Julia Guth de Granados und Klara (4) auf Pferd Mala

Das erste Seminar in Deutschland für Fachkräfte um die Horse-Boy-Methode zu lernen, war ein erster Schritt, sie langfristig betroffenen Kindern und ihren Eltern auch mittelfristig hier anbieten zu können. Organisiert hatte das zweitägige Seminar des Deutschen Kuratoriums für Therapeutisches Reiten (DKThR) auf dem Meiswinkler Hof das Duo Claudia Eichler und Prof Dr. Frank Duisberg. Beide beschäftigen sich seit Längerem mit dem Thema „Autismus“ und den Möglichkeiten, ihn zu behandeln. Fakt sei ein weltweiter Anstieg dieser „cerebralen Dysfunktion“ (Fehlfunktion im Gehirn), die sich durch Abgewandtheit von der Außenwelt und Kommunikationsverlust äußert. Die betroffenen Menschen sind in sich gekehrt und scheinen „hinter einem Rolladen zu leben“. Die Ursachen für die stetige Zunahme an Fällen sind so vielfältig, „als sei Autismus eine in der Natur des Menschen genetisch verankerte Grundform, die durch verschiedene innere wie äußere Faktoren zu einer Störung führen“, führt Claudia Eichler in ihrem Skript zum Fachseminar aus.

Die Physiotherapeutin, Osteopathin, Craniosacral-, Manual-, Sportphysio- und Bobath-Therapeutin war nicht nur die federführende Organisatorin der Veranstaltung, sondern einer der vier Referenten. Neben dem Chiropraktiker und Facharzt für Orthopädie, Physikalische und Rehabilitative, sowie Sport- und Sozialmedizin, Prof. Dr. Duisberg und den Horse-Boy Instruktoren Julia Guth de Granados und ihrem Mann Julian war auch Ute Limbach im Team des intensiven Wochenendes. Die Tierärztin, Pferdewirtin Reiten und Pferdewirtschaftsmeisterin Zucht und Haltung hat seit langem bundesweit einen Namen als Richterin im Breitensport und als Trainerin der speziellen Bodenarbeit . Außerdem bildet sie für das DKThR Trainer für Therapeutisches Reiten aus.

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Das „Tandemreiten“ ist bei der Horse-Boy-Methode nach Rupert Isaacson das Schlüssel-Element. Von dem weltreisenden Journalisten für seinen damals fünfjährigen autistischen Sohn nach entwickelt, basiert die Therapie darauf, dass sich Kinder des autistischen Spektrums nur dann ihrer Umwelt und damit auch Lernprozessen öffnen können, wenn es gelingt, eine für sie stressfreie Situation herzustellen. Nachgewiesenermaßen leiden Autisten an einer Hyperaktivität der Amygdala: des mandelförmigen Hirnareals, das für die Cortisol-Produktion zuständig ist. Dieses „Stress-Hormon“ hat seinen Sinn wenn es darum geht, Fluchtreflexe auszulösen oder sonst wie auf eine bedrohliche Situation zu reagieren. Langfristig im Übermaß vorhanden, greift es Vernetzungen und Verbindungen unsres Gehirns an. Die wiederum entstehen umso besser wenn das Wohlfühlhormon Oxytocin ins Spiel kommt: Wenn man Spaß an einer Sache hat, sich in sie versenken kann, entstehen Lernprozesse durch Neugierde und Kreativität.

Beim Tandemreiten sitzt der Therapeut hinter dem Kind und umgeht damit den für Autisten schwierigen Blickkontakt. Leise Worte ins Ohr des Kindes gesprochen verbinden sich mit den wiegenden Schritten des Pferdes zu einer als positiv empfundenen Situation. Eine Reizarme Umgebung, etwa in der Natur addiert sich im optimalen Fall dazu: die moderne laute und „wirbelige“ Alltags-Welt in Städten sei gerade für Autisten extrem schwierig zu bewältigen.

Das Pferd fungiert als Mentor, also quasi als „Schlüssel“ zu allen gewünschten Veränderungen bei den Hirn-Vernetzungen. „Das Pferd muss souverän und so sicher sein, dass der reitende Therapeut seine Aufmerksamkeit nahezu ausschließlich auf das Kind richten kann“, erläutert Claudia Eichler. „Also bedarf es eines besonderen Trainings.“ Auf der so hergestellten Basis des „Sich-Wohlfühlens“ auf dem Pferderücken habe Verhaltensschulung und das Erlernen kognitiver Fähigkeiten bis hin zu Förderung schulischer Disziplinen nachweisbar Erfolge zu verzeichnen.

Die Entwicklung der Horse Boy Methode hat Rupert Isaacson in seinem Bestseller „Der Pferdejunge“ eindrucksvoll beschrieben: Als sein Sohn Rowen drei Jahre alt war, erhielten er und seine Frau die Diagnose „Autismus“. Schrittweise ließ er sich von seinem Kind bei dessen Unterstützung leiten und entwickelte einen Unterrichtsstil, der auf Bewegung, intrinsischer Motivation und Natur beruhte. Inzwischen liegt auch eine Verfilmung des Werkes vor.

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