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Warum die Horse Boy Methode und die Movement Methode funktionieren!

Kinder aus dem Autismus-Spektrum oder auch mit ADS / ADHS, Angst, Depression, PTBS und anderen neuropsychiatrischen Erkrankungen haben in der Regel Schwierigkeiten in einer traditionellen Lernumgebung, wie einem Klassenzimmer oder einem Praxisraum, zu lernen.

Durch langjährige Beobachtungen und Experimente haben wir entdeckt, was heute neurowissenschaftliche Studien bestätigen: Wenn eine Lernumgebung geschaffen wird, die den sensorischen Bedürfnissen von autistischen Kindern entspricht und das Kind die Freiheit hat, sich in dieser Umgebung zu bewegen (die meisten Kinder mit diesen Herausforderungen lernen auf kinästhetische Art am besten), wird der oben angedeutete Stress, der im gewöhnlichen Praxisraum entsteht, gar nicht erst auftreten. Das Kind ist bereit, zu lernen – und dies in einer Weise, die erstaunlich ist. Hier präsentieren wir die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die dies erklären:

Das Problem – Stress verhindert Lernen

Wenn wir mit einem stressvollen Ereignis konfrontiert werden, löst die Amygdala (der "Gefahrendetektor" des Gehirns) die Freisetzung von Cortisol in den Nebennieren aus. Es ist eines der Hormone, welches für die Stressreaktion in unserem Körper verantwortlich ist - auch bekannt als "Kampf, Flucht oder Totstell-Antwort“ (fight, flight, freeze response). Kurzfristig hohe Cortisolwerte sind notwendig, um ein stressbetontes Ereignis zu bewältigen - unser Körper bereitet sich so vor,einer wahrgenommenen Gefahr zu begegnen.

Ein lang anhaltend hohes Maß an Cortisol weist jedoch eine ganze Reihe von Problemen auf, womit wir zum zentralen Thema kommen. Wenn wir einem andauernden Stress ausgesetzt sind und permanent hohe Cortisolspiegel produzieren, führt dies zu Gewebeschädigungen, die ebenfalls Teile des Gehirns betreffen, auch diejenigen, die für die Hemmung der Cortisolproduktion und an der Generierung von Lernprozessen beteiligt sind.

Dies gilt besonders für den präfrontalen Kortex, eine Region des Gehirns, die an kognitiven Funktionen auf höherer Ebene beteiligt ist, wie z. B. emotionaler Kontrolle (vor allem durch die Hemmung der Amygdala), und auch für den Hippocampus, der für Bildung und Speicherung neuer Erinnerungen zuständig ist.

Dies zeigt, dass Langzeitstress zu einem negativen Zyklus führen kann, bei dem chronisch hohe Cortisolspiegel die Teile des Gehirns schädigen, die für die Hemmung der Cortisolproduktion verantwortlich sind, dies führt zur Produktion von noch mehr Cortisol, was wiederum das Gehirn in eine kontinuierlich erhöhte Angst-Response-Schleife zwingt - ein „sich selbst ernährender Teufelskreis“. Die Fähigkeit zu lernen wird massiv beeinträchtigt. (Cranston, 2014).

Was hat all das nun mit Autismus zu tun? Es ist in der wissenschaftlichen Literatur gut etabliert, dass Kinder mit Autismus ein beeinträchtigtes sensorisches System haben (Ben-Sasson et al., 2009), so dass 2013 die „American Psychiatric Association“ Hyper- und Hypo-Reaktivität auf sensorische Reize in ihrer aktualisierten Ausgabe des Diagnosekatalogs (Diagnostic and Statistical Manual ‘s) für die Kriterien von Autismus hinzugefügt hat (American Psychiatric Association, 2013). Das bedeutet, dass Kinder mit Autismus durch alltägliche sensorische Reizüberflutung überstimuliert werden können - vor allem durch künstliches Licht, Lärm, Texturen, Gerüche, Echo oder Menschenansammlungen. Dies sind anerkannte negative Auslöser.

Studien haben gezeigt, dass vor allem Autisten verstärkte Hirnreaktionen (over-reactive brain responses) auf diese künstlichen sensorischen Reize zeigen, da diese ihre Amygdala intensiv stimulieren. Dies wiederum kann zu einem anhaltenden hohen Cortisolspiegel führen, der den präfrontalen Kortex und den Hippocampus beeinträchtigt und damit auch die Fähigkeit zu Lernen (Spratt et al, 2012). Weitere Untersuchungen des Gehirns von Menschen mit Autismus haben Anomalien in der Verbindung zwischen dem präfrontalen Kortex und der Amygdala gezeigt.

Der präfrontale Kortex dämpft normalerweise auch die Amygdala-Reaktionen über mehrere Wege, schafft dies jedoch scheinbar nicht bei Menschen mit Autismus, was wiederum erklären könnte, warum wir in dieser Population einen erhöhten Cortisolspiegel sehen (Swartz et al., 2013).

Teil 1 der Antwort: Reduziere den Stress

Eine Möglichkeit, um den bei Kindern mit Autismus oft zu beobachtenden hohen Cortisolspiegel zu senken, ist eine Lernumgebung einzurichten, die frei von so vielen schlechten sensorischen Auslösern wie möglich ist. Als Autistin und Autorin zum Thema Autismus und Hirnwissenschaften schreibt Dr. Temple Grandin so oft: die ideale Lernumgebung für ein Kind mit Autismus (oder eigentlich jedes Kind) ist draußen in der Natur, wo die meisten dieser künstlichen Auslöser einfach nicht vorhanden sind (Kuo & Taylor , 2004).

Des weiteren konnte wissenschaftlich belegt werden, dass alleine der Aufenthalt in der Natur die Cortisolproduktion reduziert - genau das ist unser Ziel (Ward et al, 2012). Muss der Unterricht oder das Spielprogramm allerdings innen erfolgen, so kann eine Indoor-Lernumgebung geschaffen werden, in der die meisten belastenden Auslöser beseitigt sind. Dabei ist besonders auf die Beleuchtung, Gerüche und Lärm zu achten (Stein et al, 2013).

In der Anwendung der Horse Boy- (HBM) und Movement Method (MM) machen wir genau das: Wir schaffen in Innen- und Außenbereichen eine Umgebung, die auf die sensorischen Bedürfnisse und Empfindlichkeiten des Kindes fokussiert. Wir helfen dem Kind den Teufeskreis der ständigen Cortisolproduktion zu verlassen. Der Cortisolspiegel sinkt und das Kind kann sich entspannen und Lernprozessen öffnen. Und dies ist nur der Beginn unserer Arbeit!

Eine weitere sehr wirksame Methode, die Stresstoleranz zu erhöhen, besteht darin, die Produktion des Hormons Oxytocin anzuregen. Das sogenannte Wohlfühl-, Kommunikations- und Bindungshormon ist eine Art Gegenmittel zum, im wahrsten Sinne des Wortes, „nervtötenden“ Cortisol. Oxytocin, eines der vier Glückshormone (Dopamin, Oxytocin, Endorphin, Serotonin) wird vom Körper ursächlich zum Einleiten der Geburt freigesetzt, um die Mutter-Kind-Bindung herzustellen (activating the mammalian care giving system). Das Stillen des Babys an der Brust und auch das Wiegen des Kindes in den Armen bewirken ebenfalls eine erhöhte Oxytocinproduktion und -freisetzung (Medina, 2011).

Oxytocin reguliert die Empfindlichkeit der Amygdala bei Stimulation mit Stressreizen  und setzt so die Toleranzschwelle herauf (Kirsch et al., 2005). Die Cortisolproduktion wird gehemmt (Heinrichs et al., 2003). Außerdem wirkt Oxytocin der zerstörenden Wirkung von Cortisol auf das Hirngewebe entgegen. Es wirkt heilend und kann negative Langzeiteffekte rückgängig machen (Neumann, 2008, Heinrichs et al., 2003).

Unter Anwendung der Horse Boy Methode nutzen wir die rhythmische, versammelte Bewegung des Pferdes, um die Oxytocinproduktion anzuregen. Der Theorie folgend, dass die Schaukelbewegung des Beckens die Freisetzung von Oxytocin stimuliert, kommt es beim Reiten mit dem Kind zu einer hohen Oxytocinausschüttung. Bei der Movement Method gehen wir davon aus, dass nicht unbedingt Zugang zu Pferden besteht. Wir nutzten dann die breite Palette anderer Aktivitäten mit vergleichbarer Wirkung, wie schaukelnde und schwingende Spielgeräte, tiefer Druck in die Gelenke, wie es beim Trampolinspringen vorkommt. Und ganz wichtig ist Humor. Man nutzt viele lustige Dinge, die die Kinder zum Lachen bringen ( Medina, 2011).

Teil 2 der Antwort: Erleichtere Lernen durch Bewegung und intrinsische Motivation

1. Bewegung

Während der letzten 15 Jahre wurde die Gelegenheit, sich körperlich zu bewegen an amerikanischen Schulen drastisch eingeschränkt. Die Auswirkungen auf die schulischen Leistungen waren beunruhigend. Infolge der Einführung der „No child left behind“ (Kein Kind wird zurückgelassen)- Politik im Jahr 2001 wurde die tägliche körperliche Aktivität der US-amerikanischen Kinder stark reduziert. Die Schulen haben sich so stark auf das „Lernen für Prüfungen“ konzentriert, so dass der Sportunterricht enorm vernachlässigt wurde. Nicht nur die Besorgnis hinsichtlich zunehmender Fettleibigkeit bei Kindern stieg, es kam zu genau dem Problem, was mit der Einführung des geänderten Lehrplans eigentlich vermieden werden sollte: die schulischen Leistungen, vor allem in den naturwissenschaftlichen und mathematischen Fächer (MINT) verschlechterten sich (Sattelmair & Ratey, 2009).

Während ein Großteil unserer Evolutionsgeschichte ein Rätsel bleibt, gibt es eine Tatsache, die jeder Paläontologe auf dem Planeten akzeptiert - wir haben uns immer bewegt. Man vermutet, dass unsere direkten Vorfahren, Homo Sapiens, jeden Tag zwischen 10 und 20 Kilometern gelaufen sind, während ihnen ständig neue Nahrungsquellen, Raubtiere und körperliche Gefahren begegneten. Ihre Nachkommen bewegten sich mit ihnen, was darauf hinweist, dass wir evolutionär programmiert sind in Bewegung zu lernen (Leonard et al., 1997).

In den letzten Jahren haben sich Neurowissenschaftler und Pädagogen zunehmend mit der Tatsache beschäftigt, warum Bewegung für das Lernen so vorteilhaft ist. Dieser Wandel ist auch in der Literatur spürbar. Was sie entdeckt haben, ist faszinierend!

Geben wir dem Kind die Chance, sich zu bewegen werden automatisch die neuronalen Verbindungen in ihrem Gehirn gefördert, die an Lernprozessen beteiligt sind.

Die Neuroplastizität des Gehirns ist hierfür verantwortlich (die Fähigkeit des Gehirns, eigene Neurone zu generieren, die wiederum eigene Hirnzellen herstellen und reparieren). Dies gewährleistet, neue neuronale Verknüpfungen zu schaffen und bestehende während des ganzen Lebens zu modulieren (Ratre, 2008)

Darüber hinaus wurde belegt, dass körperliche Betätigung die Freisetzung des essentiellen Wachstumsfaktors BDNF bewirkt (BDNF von engl.: „Brain-derived neurotrophic factor“; dt. etwa: „Vom Gehirn stammender neurotropher Faktor“- eine Art selbst produzierter "Wunder-Wachstumsfaktor" für das Gehirn, der durch die Kombination von Bewegung und Problemlösungsfindung entsteht). BDNF ist für die Neuroplastizität des Gehirns so wichtig, da dieser Faktor für Lern- und  Gedächtnisfunktionen essentiell ist (Rasmussen et al., 2009, Tyler et al., 2002).

Mittels bildgebender Verfahren konnte des Weiteren gezeigt werden, dass sich das Blutvolumen in einer bestimmten Region des Gehirns, dem Gyrus dentatus, bei Bewegung erhöht. Diese Region ist als Teil des Hippocampus stark an der Gedächtnisbildung beteiligt (Pereira et al., 2007).

Eine aktuelle Studie der Universität Seoul mit Kindern, die regelmäßig auf Pferden ritten, konnte signifikant erhöhtes BDNF in deren Gehirnen nachweisen (Lee et al., 2015).

Andere Studien zeigen, dass Bewegungen wie Schaukeln, sich Drehen und Hüpfen das vestibuläre System (das Gleichgewichtsorgan im Innenohr) stimulieren - wiederum entscheidend für Aufmerksamkeit und Lernen (Hitier et al., 2014, Bigelow et al., 2015).

All dies setzen wir mit der Horse Boy- und Movement Methode um, und genau deshalb sind die Kinder, die zu unseren „Playdates“ kommen, wie wir unsere Einheiten gerne nennen, so offen für das Lernen - sowohl während und fast noch wichtiger nach den Einheiten.

Es geht noch viel weiter als all das, was wir bisher erwähnt haben...

Studien zeigen, dass körperliche Bewegung die Aktivität im Bereich des präfrontalen Kortex erhöht - einem Bereich des Gehirns, der an kognitiven Aufgabenstellungen beteiligt ist. Hirnwissenschaftler nennen dies "Exekutivfunktionen", wie Entscheidungsfindung, Logik und emotionale Kontrolle (Heyman et al., 2013). Forscher haben auch festgestellt, dass der Teil des Gehirns, der für die motorische Steuerung verantwortlich ist, das Kleinhirn, das während Bewegung aktiviert wird, mit dem präfrontalen Kortex und anderen Regionen des Gehirns über Neurone, den sogenannten Purkinje-Zellen, verbunden ist (Bellebaum et al., 2007, Karatekin et Al, 2000, Middleton & Strick, 1994). Tierstudien zeigen, dass körperliche Aktivität die Überlebensrate von Purkinje-Zellen erhöht (Seo et al., 2010, Dickson et al., 2010, Lee et al 2014), was den Schluss zu lässt, dass Bewegung Kindern beim Lernen helfen könnte, indem ihr Kleinhirn stimuliert wird und neuronale Verbindungen über die Purkinje-Zellen mit präfrontalen Regionen (Logik und Lernregionen) im Gehirn verbunden werden, also die neuronalen Netzwerke, die beim Lernen involviert sind, verknüpfen.
Probieren geht über studieren: Seit 15 Jahren sinkt das amerikanische Schulleistungsniveau stetig und nordische Länder wie Finnland geben dahingehend den Ton an - vor allem in den naturwissenschaftlichen Fächern. Was haben sie anders gemacht? Sie haben die Zeit im Klassenzimmer um 50% reduziert und so viel Unterricht wie möglich im Freien verbracht und unter gezieltem Einsatz von Bewegung unterrichtet (Ratey, 2008).

Wie bezieht sich das alles speziell auf Autismus?

Viele Studien, die post mortem die Gehirne von Kindern mit Autismus untersuchten, haben eine cerebelläre Dysfunktion aufgezeigt, die das Ergebnis von Purkinje-Zellverlust war (Allen, 2005). In der Tat ist dies einer der beständigsten Befunde: etwa 95% autistischer Gehirne, die bei der Autopsie untersucht wurden, wiesen diese Verringerung an Purkinje-Neuronen auf (Bailey et al., 1998, Bauman & Kemper, 2005). Jüngste Forschungen haben gezeigt, dass tägliches Ausdauertraining auf dem Laufband die Überlebensrate von Purkinje-Neuronen bei Ratten mit autistischen Symptomen erhöht (Cho et al., 2016). Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass Bewegung für eine Person mit Autismus von besonderer Bedeutung sein kann, da der Verlust an Purkinje-Zellen reduziert und die Konzentration von Purkinje-Neuronen erhöht wird. Dies wiederum führt zu besseren Lernverbindungen zwischen den verschiedenen Regionen des Gehirns, vor allem im Bereich des präfrontalen Kortex.

Darüber hinaus ist Autismus oft mit einer Verzögerung der kognitiven Kontrolle verbunden – es handelt sich um die Gehirnkompetenz, die es Kindern ermöglicht, zwischen verschiedenen Orten, Menschen, Stimmungen oder Aktivitäten flexibel zu wechseln, sich selbst zu regulieren, wenn sie wütend sind oder zu lernen, wie man mit der verzögerten Befriedigung eigener Bedürfnisse zurecht kommt -  Dinge, die Kindern aus dem autistischen Spektrum häufig erhebliche Schwierigkeiten bereiten (Hill, 2004). Die kognitive Kontrolle wird durch den präfrontalen Kortex geregelt und wie bereits erwähnt verursacht körperliche Bewegung eine signifikante Erhöhung der Aktivität und Vernetzungsfähigkeit in genau dieser Region.

Wie verwenden wir nun Bewegung in der Horse Boy Methode & Movement Methode?

In unserem pferdegestützten Therapie-Programm, der Horse Boy-Methode, arbeiten wir mit dem Pferd, um dem Kind die Bewegung zu geben, nach der es sich nicht nur unbewusst sehnt, sondern die es auch benötigt, um lernen zu können. Wir unterscheiden uns von den meisten Angeboten im Bereich des therapeutischen Reitens, da wir das Pferd mit dem Kind nie vom Boden aus führen, sondern stattdessen mit dem Kind zusammen im Sattel sitzen (Back-Ride). Bei größeren Kindern und Erwachsenen wird das Pferd von hinten am Langzügel bewegt (long-line). Die Erklärung dieses Ansatzes führt zu einer Auseinandersetzung mit Anatomie und Physiologie! Führt man ein Pferd vom Boden aus, wie die meisten traditionellen therapeutischen Reitanlagen es tun, ist der Schwerpunkt des Pferdes im Bereich der Vorhand. Dies führt bei einem Pferd dazu, dass es diese vermehrt belastet und nicht in seinem Gleichgewicht mit ausgewogener Belastung der Hinterhand ist. Das Kind verliert ebenfalls das Gleichgewicht bzw. erfährt eine erhöhte Anstrengung es ständig neu zu erarbeiten. Wenn eine Person aus dem Gleichgewicht gerät, dann spannt sich der Psoas-Muskel (in der Beckenregion) an, um die labile Lage zu sichern. Die drohende Gefahr wird als Botschaft an die Hirnregion der Amygdala gesendet. Dies löst die Freisetzungsschleife von Cortisol aus und blockiert dadurch den Lernprozess. Wenn wir reiten oder das Pferd am Langzügel bewegen, können wir eine viel weichere und rhythmischere Bewegung produzieren, da der Schwerpunkt des Pferdes unter dem Reiter liegt. Durch eine gute Technik des Reiters erfährt das Kind Sicherheit und Vertrauen, der Psoas Muskel kann entspannen. Die Deblockierung der Hüftgelenke ermöglicht nun die Schaukelbewegung des Beckens, dies wiederum ermöglicht die Freisetzung von Oxytocin, was den Lernprozess fördert (Koch, 1997).

In unserem kinetischen Lernprogramm ohne Pferd, der Movement Method, verwenden wir eine Vielzahl von bewegungsbasierten Aktivitäten, um dem Kind die rhythmische Bewegung zu bieten, die es benötigt. Diese Tätigkeiten können entweder so gestaltet sein, dass sich das Kind aktiv körperlich bewegt (auf dem Trampolin springen, schwimmen, laufen) oder das Kind auf einem bewegten Objekt das Gleichgewicht finden muss (Schaukelpferd, Schubkarre, Schaukel etc.). Es ist wichtig jeder Zeit zu gewährleisten, dass sich das Kind sicher fühlt, sonst riskiert man, dass die Psoas-Muskulatur sich unphysiologisch kontrahiert und so über die neurogene Kette die Amygdala aktiviert wird und es dadurch zur Freisetzung von Cortisol kommt. Durch das Gefühl der Sicherheit finden Kinder Vertrauen, werden neugierig und wollen Entdecken, was dann zum Lernprozess führt. Darüber hinaus wird durch die Wirkung des Oxytocins das Kind motiviert, zu kommunizieren und sich auszutauschen.

2. INTRINSISCHE MOTIVATION

Einem Kind die Möglichkeit zu geben, eine natürliche Umgebung zu erforschen ist ebenso wichtig wie die Bewegung selbst. Und deshalb - und es ist sehr wichtig, dies zu verstehen – kann man ein Kind viel besser durch seine Interessen und Obsessionen unterrichten anstatt es durch Belohnung zu motivieren.

Kinder werden mit einer intensiven und hartnäckigen Neugier und dem Wunsch, die Welt um sie herum zu erforschen, geboren. Es ist die Freude des Erforschens, die ihre Fähigkeit zu lernen, kritisches Denken und Argumentieren vorantreibt. Jüngste Forschungen haben gezeigt, dass die Aktivität des Hippocampus steigt, wenn wir das lernen, was uns interessiert. Diese Region des Gehirns ist an Bildung und Erhalt von Erinnerung beteiligt und Merkfähigkeit ermöglicht. (Gruber et al., 2014). Auch das neuronale Netzwerk im Zusammenhang mit Belohnung und Freude weist eine erhöhte Aktivität auf (Gruber et al, 2014). Das bedeutet wiederum, dass wir besser lernen, wenn wir neugierig sind und daran interessiert sind, was wir lernen.

Wie bezieht sich das nun auf Autismus?

Studien haben gezeigt, dass Kinder mit Autismus oft eine Dysfunktion in ihrem Belohnungssystem aufweisen (Kohls et al., 2013), was darauf hinweist, dass sie weniger gut auf extrinsische, also indirekte oder auf Belohnung basierende Motivation reagieren als neurotypische Kinder. Es ist also besonders wichtig, Neugier und einen intrinsischen, also direkten Wunsch zu wecken und bei diesen Menschen zu fördern, da Autisten eben schlecht auf den traditionellen Ansatz reagieren.

Wenn man also versucht, autistische Kinder über Belohnung und Strafe zum Lernen zu bewegen, wird man bei weitem nicht so weit kommen, als wenn man ihre intrinsischen Interessen und Obsessionen bedient. Diese Erkenntnisse ermöglichen es, den gesamten Lehrplan durch „Erkunden und Entdecken“ zu vermitteln. Wenn man dem Kind also erlaubt, seinen Obsessionen zu folgen, findet man tatsächlich eine effektive Tür, um sie in allem zu unterrichten, was sie eigentlich nicht interessiert. Sie müssen nur mit ihren Obsessionen anfangen und dann das "Nicht so Interessante" in die Sprache und die Terminologie der Obsession hineinsetzen. Wenn ein Kind zum Beispiel „Minecraft Wölfe“ liebt, fangen wir dort an und beginnen allmählich, über Muster und Zahlen von Minecraft Wölfen zu sprechen, dann über die Geometrie und Statistiken von Minecraft Wölfen, u.s.w.. Nach kurzer Zeit beginnen wir dann, dies in andere Kontexte zu übertragen.

Wie schaffen und fördern wir Neugier in der Horse Boy Methode & Movement Methode?

Wir beginnen mit der Schaffung eines sogenannten JA-Umfeldes für die Kinder - das heißt, wir erlauben es ihnen, alles zu berühren und überall zu forschen, solange es für sie sicher ist – wir  schaffen unbedingt im Vorfeld eine Umgebung, die absolut sicher ist. Dann lehren wir das Kind in einer flexiblen, humorvollen und vor allem druckfreien Weise durch seine Leidenschaften, Interessen und Obsessionen Freude für das Lernen zu entwickeln. Immer unter dem Aspekt ihm zu helfen und es zu unterstützen. Wir entwerfen pädagogische Aktivitäten - sowohl allgemeine Module als auch individuell zugeschnittene, die an die intrinsischen Interessen des jeweiligen Kindes angepasst sind und finden Wege, um ihr Wissen indirekt durch z.B.  Schatzsuchen und speziell entwickelte Spiele zu testen. Kurz gesagt, wir schneidern alles was wir tun individuell zurecht, um jedes einzelne Kind zu fördern. Dabei bauen wir stark auf intrinsische Motivation, um Lernen und Entdeckung zu unterstützen.

Diese Module entwerfen wir in Zusammenarbeit mit mehreren Universitäten weltweit, darunter die University of Texas, School of Education, die Universität Osnabrück in der Abteilung für Physik, die Belmont University Nashville's Occupational Therapy Department und Spezialisten aus Frankreichs führenden neurowissenschaftlichen Schule das „Institut Pierre et Marie Curie“, das Pädagogik-Programm an der italienischen Universität Bologna, um nur einige zu nennen. Unsere Module, die für jede kognitive Ebene entwickelt wurden, sind über unsere Webseiten horseboyworld.com und kidsmustmove.com verfügbar.

SCHLUSSFOLGERUNG

Ob mit Pferden bei der Horse Boy-Methode oder im Klassenzimmer mit der Movement Methode, im Heimunterricht und bei therapeutischen Einheiten: wir nutzen diese wissenschaftlichen Erkenntnisse, um das Nervensystem zu beruhigen und das Kind aus dem Cortisol-Teufelskreis, der die Entwicklung des Gehirns blockiert, zu befreien. Auf dieser Basis des Arbeitens verhelfen wir dem Gehirn und seinen Vernetzungen zu einer optimierten Struktur, die Lernprozesse ermöglicht. Beginnend bei den grundlegenden kognitiven Eigenschaften bis zu fortgeschrittenen Ebenen der Mathematik und der Naturwissenschaften. Schließlich beginnt das Kind, uns zu unterrichten! Dies geschieht ohne dass das Kind ständig das Gefühl hat therapiert zu werden oder Lehrstoff zu büffeln. Das Kind widersetzt sich den Dingen nicht, ob mathematische Übungen auf Universitätsniveau wie Statistik oder höhere Geometrie und Physik - denn alles fühlt sich einfach gut an und macht Spaß. Darum funktioniert es.

Robert Naviaux, Gründer und Co-Direktor des „Mitochondrial and Metabolic Disease Center (MMDC)“ und Professor für Medizin, Pädiatrie, Pathologie und Genetik an der Universität von Kalifornien, San Diego und einer der führenden Forscher Amerikas im Bereich Autismus, schreibt in einem Briefwechsel mit Rupert Isaacson über die Horse Boy- und Movement Methode:
"Ich denke, dass ganz bestimmte Bewegungen, die z.B. von einem versammelten Pferd im Galopp oder auch durch andere Arten von Bewegung verursacht werden, die Sie beschrieben haben, große Auswirkungen haben können. Eine ist die Propriozeption und auch die vestibuläre und cerebelläre sensomotorische Integration. Über den sakralen, parasympathischen Plexus der autonomen Nerven zu arbeiten, der Sicherheitssignale über den Vagusnerv an den Hirnstamm sendet, ist ein weiterer Effekt. Wir haben im Bereich des Cortisols und den purinergen Botenstoffen viel geforscht (https://en.wikipedia.org/wiki/Purinergic_signalling). Die Freisetzung von extrazellulärem ATP ist ein direkter Auslöser der Cortisol-Freisetzung aus der Nebennierenrinde. Dies ist ein wesentlicher Teil der „cell danger response (CDR)“ (definiert als angeborene Stoffwechselantwort auf Berdohung check: http://me-pedia.org/wiki/Cell_danger_response ). Sie haben es auf eine sehr erfolgreiche Art geschafft, dieses Gefahren- oder Stress-Signal durch gesunde, rhythmische Bewegung auszuschalten. Purkinje-Zellen sind die "Chill-Pille" des Gehirns. Sie „beruhigen“ alle anderen Schaltsysteme, indem sie sich 50 Mal pro Sekunde entladen und die Botschaft "Alles ist gut" aussenden. Wenn der Rest der Hirnvernetzungen ständig Überstunden durch permanente Alarmsignale macht, kann es passieren, dass die Purkinje-Zellen metabolisch erschöpfen, da sie ständig versuchen, „den Feueralarm“ in diesem überaktiven Gehirn zu beruhigen. Dies kann zu Zelltod führen. Übungen und die richtig Art von Bewegung helfen, das Gehirn zu beruhigen, so dass Purkinje-Zellen nicht so schwer arbeiten müssen, um „den Sturm“ zu beruhigen. Dadurch werden Purkinje-Zellen erhalten und normale Entwicklungsschaltkreise verstärkt - nicht nur im Gehirn! Auch die sensomotorischen und neuroendokrinen Signale, die alle Systeme des Körpers verbinden, werden verstärkt. Der Körper funktioniert am Besten, wenn alle Teile kommunizieren und koordiniert sind. Autismus löst einige dieser Verbindungen auf zellulärer Ebene auf, wodurch die Emotion Angst forciert wird - auch Angst vor Veränderung. Bewegung und der Stoffwechsel helfen, die „Inseln mit dem Festland“ zu verbinden und Angst auf zellulärer Ebene zu lösen.

Und wie Dr. Temple Grandin hinzufügt:

"Die Horse Boy- und Movement Methode bieten viele neue Ideen, wie man Personen des autistischen Spektrums mit Pferden, Bewegung und dem Eintauchen in die Welt der Natur helfen kann. Lehrtechniken mittels Erzählen können mit Spielzeug, auf Autofahrten oder beim Entspannen auf der Couch überall und von jedem umgesetzt werden – und es funktioniert! "

Nun haben Sie die Wissenschaft, die dahinter steht, ein wenig kennengelernt. 

Referenzen

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